Falk Dübbert ...

April-“Urlaub” 2015

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Sonntag, 12.4.: böses Erwachen

Ich wache gegen 4 Uhr morgens auf und weiß nicht, welches Feuer ich zuerst austreten soll.

Ich bin total verschwitzt.

Ich zittere am ganzen Körper.

Mein linkes Knie schmerzt. Nein; es schmerzt höllisch.

Bei Licht betrachtet ist die Farbe und der Umfang eindeutig: Meine Bursitis, die ich seit Kontakt mit einer Schraube mit mir rumschleppe, ist septisch geworden. Die konservative Behandlung hat also versagt.

Mein einziges Fieberthermometer ist in der Rettungstasche im Auto unerreichbar für mich, aber mein Infrarot-Thermometer zeigt an der Schläfe gemessene 36°C an. Das ist nicht gut, denn die Kerntemperatur liegt bis zu 4°C darüber. Ich überlege hin und her. Mit den Symptomen wird ein Krankenhaus mich in jedem Fall dabehalten. Das geht noch nicht, weil mein Projekt am Montag einen wichtigen Schritt machen muss. Ich lege mich mit einem Eispack auf dem Knie in eine lauwarme Wanne und werfe 2 Ibuprofen 400mg ein. Dann gehe ich zurück ins Bett und überlege. Das Ibu wirkt. Der Schüttelfrost und das Fieber sind jetzt erträglich. Ich fahre erstmal zu meinen Eltern.  Dort frühstücke ich normal und bereite mit weiteren Ibus alle acht Stunden am Notebook alles für folgenden Tag vor. Ich schreibe eine E-Mail an alle Beteiligten, dass ich nur kurz reinschauen  um das Projekt nicht zu gefährden und dann zum Arzt gehen werde.

Montag, 13.4.: Sinnlos Dein Unterfangen ist

Mit drei Eispacks, die ich halbstündlich rotiere, gehe ich in die Firma. Im Projekt geht alles schief. Geteste Hardware verweigert vor Ort den Dienst und ich verliere Stunde um Stunde. Ich breche ab, instruiere noch einen Kollegen und fahre mit dem Auto zum Bahnhof Othmarschen, wo ich in einer Seitenstraße einen gebührenfreien Parkplatz erwische. Ich kaufe eine Tageskarte um abends wieder zurückfahren zu können, was im Nachhinein ein dummer Denkfehler war und fahre mit dem Bus zum Krankenhaus. Dort finde ich keine Ambulanz. Daher laufe ich zum Haupteingang und werde von dem Mann hinter dem Tresen wieder raus und zur Notaufnahme geschickt. Ich habe keine egk und überreiche der Dame dort eine Leistungsübernahmezusage der Krankenkasse. Das Krankenhaus kennt die Dinger schon.
Ich bekomme ein Patientenarmband und soll mich in “gelb” setzen. Ich breche meinen zweiten Eispack an und ärger mich, dass ich das Knickeis im Auto gelassen habe. Nach einer Stunde gibt der Akku meines Tablets auf. Der zweite Eispack war nicht mehr wirklich kalt. Der Arzt bittet mich in ein Behandlungszimmer. Ich zeige mein Knie und erkläre meine Schmerzen. Es wird geröngt. Bei der Rückkehr ins Behandlungszimmer liegen zwar die Utensilien für eine Punktion bereit, aber die Entscheidung zur OP ist da schon gefallen. Ich bekomme einen ersten Tropf Antibiotikum. Plötzlich bin ich aller Einflussmöglichkeiten beraubt. Mir wird ein Bett bestellt. Jetzt macht das Krankenhaus ernst. Auf der Station angekommen, wird mir gleich offenbart, dass ich doch noch an diesem Abend operiert werden soll und ich kann endlich meinen Bruder erreichen, der mit meiner Not-Urlaubstasche auf dem Weg zum Krankenhaus ist. Mein Zimmernachbar wird gerade OP-fertig gemacht. Ich bekomme ein typisches Patientenhemd und eine Netzunterhose. Plötzlich ist mein OP-Termin “jetzt”. Mein Bruder kommt mir quasi entgegen als ich mit dem Bett nach unten gefahren werde. Die Anästhesie-Ärztin befragt mich zu Allergien und meinem Gewicht. Aufgrund meines Übergewichts wählt sie die Vollnarkose. Ich werde in einen Narkoseraum gefahren und sage noch auf was ich an Medikamenten genommen habe: zwei Ibuprofen beim Aufstehen, eine Flasche Antibiotikum. Ich bekomme zwei Spritzen. Die zweite macht das Licht aus. Nach einem gefühlten Sekundenschlaf wache ich wieder auf. Ich bin schmerzfrei. Auf der Station rufe ich meine Eltern an und gebe Entwarnung. Das Bein ist noch dran.

Dienstag, 14.4.: Jetzt kommt der Schmerz

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Die Nacht war nicht gut. Neben den Schreien von mindestens zwei dementen Patienten habe ich in der zweiten Nachthälfte heftige Gesichtsschmerzen bekommen. Ich glühe fast.

Mittwoch, 15.4.: Das Gift in Dir.

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Das Bein ist noch schlimm rot. Meine Blutwerte sind noch schlecht. Ich verschweige, dass ich Probleme mit der Ente habe, weil ich keine Lust auf Lasix&Co. habe. Die Redondrainagen machen Bewegungen problematisch. Ich kann mich nicht auf meine Schlafseite rollen. Ich versuche mit autogenem Training den Schmerz auszublenden, aber das Krankenhaus mit seinen Abläufen macht es mir reichlich schwer.

Donnerstag, 16.4.: noch kein Alltag.

Ich finde mich langsam mit meiner Situation ab und versuche das Notebook zu benutzen.  Das Display ist aber selbst runtergedreht zu hell. Ich halte erstmal nur das Handy aus. Trotzdem stelle ich fest, dass ich meine Datensucht nicht decken kann. Ich fange an mein Patientenarmband, Messwerte und  Medikamentennamen  auswendig zu lernen. 

Freitag, 17.4.: 50 Shades of Red.

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Sowohl Schwellung, Rötung als auch Temperatur zeigen eher in Richtung einer Revision, also einer zweiten OP. Der Tag war damit für mich erledigt. Ich habe außerdem die High-Speed-Volumen beider Karten in meinem Handy aufgebraucht.  Es wird eine Feuchtverband-Therapie angeordnet. Das Bein hat jetzt nicht nur Schläuche sondern auch einen nassen Verband.

Samstag, 18.4.: Edding.

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Auch wenn es nur eine Abstufung ist, wird eine zweite Linie eingezeichnet. Es wird keine zweite OP geben. Der Tag ist ein guter Tag. Ich schaffe es meinen Schlafanzug anzuziehen und auch tagsüber zu schlafen.

Sonntag, 19.4.: Entspannung

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Die Rötung geht weiter zurück. 

Montag, 20.4.: Freiheit

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Die Schläuche sind raus. Ich buche nun blau.de-Tagesflats und schaue Neflix mit dem 8”Tablet.

Dienstag, 21.4.: Kniescheibe

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Ich habe wieder zwei Kniescheiben.

Mittwoch, 22.4.: kzH

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Ich werde entlassen. Leider stirbt doch mehr Haut ab als erhofft.

Donnerstag 23.4: Mitbringsel

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Die transparenten Viggo-Pflaster, die die Stationsärztin so verflucht hat, haben ein heftiges Kontaktekzem ausgelöst. Auf Heftpflaster der Fa. Leina Werke spreche ich nun auch an. Hoffentlich ist letzteres nur ein an die große Reaktion angrenzende Reaktion, die nicht bleibt bzw. wiederkommt. Das Leina-Zeug steckt in gefühlten 99%  der Verbandskästen.

Montag, 27.4: Ernüchterung

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Immerhin sind ein paar Fäden gezogen worden. Es sind aber noch drei nekrotische Bereiche in der Wunde.

Sonntag, 3.5.: Geduld

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Den einen Block nekrotischen Gewebes, der auf einem Fibrinbelag lag konnte ich mit einer NaCl-Lösung herausspülen.

Montag 4.5: letzter Faden

Ich ließ bei einem ambulanten Chirurgen die Fäden ziehen und fahre nach Hause. Beim Einfahren ins Carport sehe ich aber einen Fleck in der Jeans und kehre wieder um. Die Naht war an der oberen Stelle mit Nekrose vom Einsteigen oder Kupplung treten leicht aufgeplatzt und es lief mehr Wundwasser als die Gaze aufnehmen konnte.

Dienstag, 5.5.: Die zweite Meinung

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Ich sammle alle Bilder zusammen und maile sie einem guten Freund, der nun als Kindernotarzt in den Niederlanden arbeitet. 20 Minuten später ruft er an, obwohl ich nur eine Mail erbeten habe.

Mittwoch, 6.5.: Abräumen bitte!

Die Nekrose ist zu klein, als dass ein deutscher Krankenkassen-Arzt daran gehen könnte. Die Grenze liegt bei 4,5cm mal 1cm oder 3cm Durchmesser bei kreisförmigen. 
Ich kann warten, bis sie abfällt. Da sie aber noch am Grund fest ist, sind das eher Wochen als Tage. Solange aber das braune Zeug noch drin ist, kann ich nicht auf hydrokolloid-Pflaster wechseln und je länger es drin ist, desto schlechter wird das Endergebnis. Ein Chirurg würde bei einer Wundtoilette bis ins gesunde Gewebe schneiden um den Mist ganz auszuräumen. Ich bin kein Chirurg. Ich frage, wie dick das nekrotische Gewebe für eine feuchte Wundversorgung sein darf.
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Ich lege eine sterile Unterlage auf meinen Fernsehsessel und schäle mit einem Einwegskalpell das dicke nekrotische Hautteil vorsichtig herunter bis nur noch ein durchscheinender Rest davon bleibt, durch den ich Feuchtigkeit erahnen kann. Ringsherum sehe ich keine Fibrinblöcke oder andere Probleme. Insgesamt hebe ich drei Lagen ab. Das Zeug hat eine Konsistenz zwischen Brooks Fahrradsattel und Beef Jerky.

Donnerstag, 8.5.: Kontrolle

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Das Wundsekret (Exsudat) ist deutlich weniger geworden, so dass man davon ausgehen kann, dass die Wunde größtenteils in der Proliferationsphase ist. Ich klebe nun ein Hydrokolloid-Pflaster drauf, das jeweils 4 Tage auf der Wunde bleibt. Der Stückpreis beträgt 20, € und ich habe 4 Sätze gekauft. Kassenärzte werden das eher nicht verordnen, da die Richtgröße (so eine Art weiche Fallpauschale), also der für die gesamte Versorgung vorgesehene Material-Kostenrahmen insgesamt um die 20,- € beträgt. Darüber müssen die Ärzte jeden Sch… dokumentieren und begründen.

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Das Pflaster sorgt für einen geringen lokalen Sauerstoffmangel, der die Bildung von Blutgefäßen in der Wunde fördert. Gleichzeitig bindet es austretendes Wundsekret in einem Gel und stellt eine für die Heilung optimale Feuchtigkeit ein. (Das war der Werbeblock.)

Ich genieße die neue Beweglichkeit durch die dehnbare PU-Folie und stelle eine deutliche Temperatursenkung am Knie fest.

Dienstag, 12.5.: Arbeitsfähig. Knie immer noch dick.

Ich weiß nicht, wie ich den aktuellen Zustand einordnen soll. Das Knie ist immer noch dick und genau so schmerzhaft wie vor einem Monat. Ich habe jetzt nur eine “sekundär heilende Wunde” vorne am Knie, mit der ich im Grunde allein gelassen wurde. “Sekundär heilend” ist eine Bezeichnung für kaum oder nicht heilende Wunde.
Vor einem Monat tat es weh, war aber ungeschränkt beweglich und belastbar. Jetzt ist die Beweglichkeit eingeschränkt und das Knie schmerzt bei vertikaler Belastung. Der Umfang auf Höhe der Patella ist jetzt noch größer als vor einem Monat.

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