Falk Dübbert

Mit dem Malheure, das mich gute 8 Wochen kostete, hatte ich die OODA-Loop neu gestartet.

Ich habe mit dem erforderlichen Neu-Setup des Bogen den Grad an unabhängigen Informationen gesteigert. Das Problem mit Compoundbögen in Deutschland ist, dass sie als Nicht-Olympisch mit Argwohn betrachtet werden und man, je nachdem wen man fragt, komplett andere Ratschläge erhält. Die Ringe auf der Scheibe sind das Ergebnis eines sehr komplexen Vorgangs mit vielen Beitragenden. Anders als beim Gewehr, sind technische Fehler von meinen nicht immer einwandfrei zu trennen.
Tatsächlich habe ich erstmal die verfügbaren Bedienungs- und Einstellanleitungen gesammelt und alle gelesen.
Die neuen Sehnen und Kabel habe ich mit dem Tune-Chart und einem Zollstock, die Pfeilauflage mit Hilfe von Wasserwaagen grob eingestellt und mein Peep auf die Höhe für das Trigger-Release gesetzt. Mit Hilfe von Zeitlupen auf dem Platz habe ich dann das Timing von Cams und Pfeilauflage ebenfalls grob angepasst. Gleichzeitig habe ich dabei die Nockpunkte noch mal so versetzt, dass sie sich „richtig“ anfühlen. Dieses Setup habe ich dann fixiert und mit einem Papertest die Pfeilauflage entsprechend eingestellt.

Dabei kam ein wieder ausgegrabenes, aus dem Militärischen stammende, Arbeitsframework zum Zuge: Die OODA-Loop. Auch wenn dieses Konzept einen handelnden Gegner erwartet, sind die zu diesem Konzept dokumentierten Methoden, die man anwendet um die Loop selbst schneller zu durchlaufen als der Feind, auf jede Situation anwendbar, bei der eine Reaktion auf ein Ereignis koordiniert werden muss. Nicht-Militärisch kenne ich es aus der Katastrophenhilfe.

Die beiden Os:

Observe
  • Was hat sich verändert?
    Der Bogen, hat durch einen Leerschuss, weil der Pfeil sich unbemerkt vom Nock gelöst hat, Schaden genommen. Die Sehne und ein Kabel sind gerissen. Die längere Achse ist verbogen. An der Pfeilauflage sind zwei Kleinteile beschädigt. Der Bogen ist als Abhilfemaßnahme komplett zerlegt.
  • Was hat hat sich nicht verändert?
    Der Riser, die Wurfarme, die Lager und die Cams haben nichts abbekommen.
  • Was habe ich an Material?
    Die Kleinteile der Auflage habe ich zum Teil da.
Orient
  • Welche Informationen kann ich abrufen?
    Ich kann im Netz rufen oder örtlichen Händler befragen.
    • Welche davon sind neutral?
      Keine. Der eine Händler macht nicht viel Compound und der andere ist zwar für gute Werkstattleistungen aber auch für ergebnisorientiertes Handeln bekannt. Rat im Netz, der sich an Menschen in Extremsituationen richtet, ist bestenfalls ein Allgemeinplätzchen. Meist ist er gefährlich. Zuverlässigkeit bietet nur eine Inspektion auf Bauteilebene.
    • Welche sind unabhängig des Startpunkts valide?
      Nur Messwerte sind valide.
    • Welche Informationen sind unwidersprochen?
      Die Schnittmenge war, dass der Bogen komplett zerlegt werden und auf Risse oder Verzug überprüft werden muss.
    • Welche Informationen kann ich validieren?
  • Welches Material fehlt?
    Die Sehne, die Feder und die Achsen.
  • Welche Handlungsoptionen werde ich haben?
    selbst instandsetzen oder zur Reparatur abgeben.
Decide
  • Entscheidungen:
    • Teile inspizieren.
    • Selbst reparieren.
    • Anschließend tunen.
    • Sweet spot nutzen um bessere Techniken anzuwenden
  • Pläne
    • Veränderung gegenüber bisherigem Plan: Ich tune jetzt schon am schwarzen Bogen.
  • Fragen an die nächste Loop

Act
Ich habe, wie gesagt, den Bogen zerlegt, und dann in eine UV-Aktive Flüssigkeit gelegt, abgewischt und dann in einer Dunkelkammer mit einer UV-Leuchte abgesucht. Das habe ich mit allen Teilen gemacht. Selbst feinste Risse zeigen sich so.

In den massiven Bereichen haben wir ein Ultraschall Gerät angeklebt um so innere Risse aufzuspüren.

Früher waren Mittelteile von Bögen gegossen und unter dem Lack können sich auch heute noch Risse verstecken. Das ist heute besser, weil Aluminium CNC-Fräsen ein einfacher und günstiger Prozess ist.
Bögen entstehen jetzt aus Walzmaterial, das nicht zu inneren Imperfektionen neigt. Außerdem sind 6061T6 oder 7000er Aluminium eher üblich als die gießbaren Silizium-reichen Legierungen damals.
Die lange Achse macht beim Rollen auf einer Planen Marmorplatte „Geräusche“, aber selbst gegen eine Lampe oder mit Preußisch Blau war nichts zu sehen. Die Spuren der Lagergehäuse und der Test mit einer Härteprüffeile zeigten aber an, dass es sich bei der Geräuschursache um auch Arbeitsspuren in der Brünierung handeln könnte.
Wir haben die Achse sehr genau vermessen und ich habe eine Nachfertigung bei einem Online-CNC-Shop in Auftrag gegeben, bei dem ich die Stahl-Qualität und Fügegenauigkeit selbst festlegen kann.
Außerhalb meiner Komfortzone war die Bestellung der Sehne. Der örtliche Sehnenpapst hatte infolge einer Infektion mit dem Virus, das es nicht mehr gibt nur noch zwei Tage in der Woche auf und entsprechend lange Werkstattlaufzeiten. Außerdem…
Aber Fa. Main Compound ist wieder da. Offenbar hat das mit dem eigenen Geschäft am 3D-Parcours nicht geklappt, was sehr schade ist, aber Bestellprozess und die gestellten Rückfragen waren so, wie der überragende Ruf es erwarten lässt.
Für den Zusammenbau habe ich nach einem Test mit meiner portablen die Bogenpresse beim örtlichen Händler in Anspruch genommen. Der Bogen ist jetzt genau auf den Werten vom Datenblatt.

Die erste Tuning-Runde wird umfassen:
  • Einstellen Centershot mit Wasserwaagen (erledigt)
  • Papertest (erledigt)
  • Messung der Pfeilgeschwindigkeit (erledigt)
  • Sync der Cams
  • 300 Pfeile schießen
  • Creeptune
  • Papertest #2

Das Militärische in diesem Vorgehen lag darin, Fragestellungen, die keine Erweiterung meiner Handlungsoptionen bieten, schnell zu identifizieren um sie zu ignorieren. Col. John Boyd definierte Kriterien um Informationen schnell aus dem Kontext zu entfernen. Gleiches gilt für Informationen, die mit anderen nicht in Einklang zu bringen sind.

Die Wikipedia verdreht den Ansatz in den Artikeln, denn Boyd nutzte die Kontextualisierung um möglichst viele Informationen ignorieren zu können. Die Wikipedia-Autoren beschreiben es als offenes inkludierendes Modell. Boyds These war im Grunde ein Übertrag der Clausewitz’schen Thesen zur Entschlossenheit und zur Reduktion, die leider nur als Zitate und Briefe wie „Obwohl unsere Logik Klarheit und Sicherheit sucht, findet unsere Natur oft die Unbeständigkeit faszinierend.“ überliefert sind.

Die Handlung des Films Edge of Tomorrow hat den Gedanken, die Loop möglichst schnell zu durchlaufen auf die Spitze getrieben. Dort kennt der Gegner das Ende des Durchlaufs bereits bei Beginn und kann das A nach vorne stellen. An drei Stellen wird Boyd wörtlich zitiert. Seine These war, dass der Kombattant, der die OODA-Loops schneller durchlaufen kann, am Ende siegreich sein wird.

Angehörige von militärischen Spitzeneinheiten werden als professionell-stoisch beschrieben.
Diese Außenbeobachtung beschreibt das Ergebnis der Anwendung der OODA-Loop auf hohem Niveau. Viele verwechseln die auf Perfektion beherrschte Ausblendung irrelevanter Informationen mit „blindem Gehorsam“, dabei ist es in erster Linie eine Methode des Mental-Load-Managements.

Ich habe, nachdem ich meine Teile nach besten Wissen geprüft habe, den Bogen schnell wieder zusammengebaut und dafür nur das Tune Chart als Zielparameter genommen. Der Rest musste mir schlicht egal sein.

Einschätzungen anderer sind für mein Ergebnis weder erheblich noch würden sie helfen, das Risiko zu verkleinern. Nebenbei – vermutlich Dunning Kruger at all time high – vermute ich, dass ich in einem Raum mit 100 Personen unter den drei Personen bin, die sich am besten mit Ausfallmodi von Alu, Titan und Carbon auskennen.

Die nächste Runde dient, dazu die Ergebnisse des D-A-Anteils als Feedback zu gewichten und die Stellschraube für den kommenden Durchlauf auszuwählen. Ich werde nur einen Parameter verändern.


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