Falk Dübbert ...

Jetzt doch ein paar Zeilen zum Fall Relotius

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Der Spiegel ist … mal wieder … auf einen Fälscher reingefallen. Er hat wohl gewohnheitsmäßig seine Geschichten „aufgepeppt“.
Die Geschichte hat drei Seiten.

  • Den jungen Star-Reporter, der mit Preisen überhäuft wurde und genau den Ton fand, den der Zeitgeist hören wollte.
  • Die führungslose Spiegel-Redaktion, die quasi mit Gewalt erst dazu gezwungen werden musste, die Edelfeder fallen zu lassen.
  • Eine narzisstische Gesellschaft.

Man verzeihe mir die Küchenpyschologie, aber meiner Ansicht nach ist der Spiegel einem klassischen Narzissten aufgesessen. Narzissten sind anpassungsfähig, kommunikative Meister und haben in frühester Kindheit gelernt, wer was von ihnen erwartet. Die (Grund-) Schulzeit war für sie ein einziges Trainingslager bis Bootcamp und sie haben mehr Kenntnisse über Manipulation, als ein Kongresssaal voll mit NLP-Experten.
Die manipulativen Eigenschaft wird umso mehr gewünscht und gefördert, je mehr ein Umfeld formalisiert wird und je weniger die Arbeit selbst zählbare Ergebnisse liefert.
Dummerweise sind die typischen Eigenschaften eines Narzissten, insbesondere die hohe Anpassungsfähigkeit und die Veranlagung zu mitnehmender Kommunikation, genau die, die in Managern und Vertrieblern gesucht werden, aber sie helfen auch allen anderen Karrieristen und Leuten, die „was mit Medien“ machen. Das Umfeld in einer selbst-ernannten Spitzen-Redaktion ist also schon unter normalen Umständen sehr kompatibel. Wenn noch dazu kommt, dass im Grunde alle Führungspersonen gerade um ihren zukünftigen Job, ihr Überleben oder einen sauberen Abgang kämpfen und somit weder echte Kontrolle ausüben noch eine Vision vermitteln können, ist ein Desaster im Grunde vorprogrammiert. (Ein ähnlich kopfloses Umfeld habe ich vor zweieinhalb Jahren verlassen.)
Relotius lieferte genau die Mood-Artikel, die immer mehr Leuten auf die Klöten gehen aber anderen die Bestätigung für ihre moralische Überlegenheit in ihre Echokammer geben:
Erzählgeschichten mit viel Projektionsflächen.
Hanns Joachim Friedrichs‘ Ideal vom Journalisten, der überall dabei ist, aber nicht dazugehört, wurde irgendwo zwischen 2010 bis 2015 stillschweigend in einem Redaktionskeller eingemauert. Es sitzt da noch gefesselt und geknebelt und wird hier und da für eine Laudatio hervorgeholt. Tatsächlich nimmt jedes Haus im Medienzirkus nicht nur Partei, sondern produziert eben jene Projektionsflächen und (Anti-) Identifikationsfiguren wie die paramilitärischen Bürgerwehren in „Jaegers Grenze“.
Die Grenze zwischen Bericht, PR-Artikel, Mood-Story und Clickbait muss keine Schwelle mehr überschreiten, denn mit Auflagen bei 30% von den Werten vor dem 25. Dezember 1990, kann man sich solche Feinheiten wie journalistische Sorgfalt nicht mehr leisten. Auflage bedeutet Reichweite. Reichweite bedeutet Relevanz. Relevanz bedeutet Beachtung und eine Redaktion dürfte voll von Menschen sein, deren unerfüllte Sehnsucht nach Beachtung krankhafte Dimensionen angenommen hat.
Als 2015 die Rührstücke über illegale Einwanderer zuhauf in allen wesentlichen Medien gebracht wurden, war das Wort „Lügenpresse“ noch problemlos diffamierbar. Jetzt hat Claas Relotius diesen Lieblingshassterm der Medienleute auf traurige Art und Weise legitimiert.
Im Grunde muss man neben dem individuellen Problem um Claas Relotius auch die Frage stellen, warum Kontrollmechanismen in bislang acht Medienhäusern nicht früher Alarm schlugen, bzw. warum, als sie es taten („Fergus Falls“), die Konsequenzen gänzlich ausblieben – und – ob die Redaktionen sich wirklich davon freisprechen können, Relotius‘ Geschichten nicht mit der angemessenen Skepsis behandelt zu haben, weil er die „richtigen“ Geschichten erzählte.
Insbesondere sollte man eben auch mal schauen, ob z.B. bei Prantls Geschichte aus der Voßkuhlschen Küche nicht das gleiche Muster vorliegt, und ob man es sich noch leisten kann, sowas unsanktioniert durchzulassen, und ob eventuell da nicht vor langem eine Grenze verwischt wurde, die eben von Relotius nur offensichtlich weiter überschritten wurde, aber es ein generelles kulturelles Problem gibt, bei dem durch eine vermutete Medienkonvergenz zur „Multimedialität“ der Journalist sich am Ende als Sachverständiger, Rechercheur, Schreiber, Präsentierer, Moderator, Schauspieler und Prominenter zugleich sieht und die grundlegenden Fertigkeiten auf dem Rückzug im Existenzkampf zurücklassen musste.
Eventuell sollte man vielleicht neben der Auto-Industrie ein oder zwanzig Verlagshäuser an den Bedarf anpassen, also schließen, damit die verbleibenden auch von den erzielbaren Einnahmen leben können. Derzeit scheint mir viel Prekariat im Journalismus vorzuliegen und dessen Anwesenheit ist nie gut für Integrität. Integrität muss man sich leisten wollen … und können.

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