Falk Dübbert ...

Businesskasparisierung, Hipsterkackscheiße, Klaut

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Die neue CEBIT ist zuende gegangen. Sie sollte eine Messe mehr sondern ein “Event” sein, dass eine neue junge Zielgruppe anzieht.


Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass bei allen Bildern von der Cebit irgendwo im Hintergrund jemand rumgeisterte und dafür sorgte, dass wenn männlich,weiß zu sehen war, dieser einen Hipsterbart trug.


Ich habe mir das Centrum für Büro- und Informationstechnik dieses Jahr nicht gegeben. Die Aussteller, die mich interessieren würden haben, entweder gute Roadshows oder sind schon ewig nicht mehr vor Ort. Dazu muss ich anmerken, dass meine Interessen fast nur im Bereich Storages, Backup, Infrastrukturausrüstung und Virtualisierung liegen.

Diese Hersteller sind fast vollständig weggeblieben und von denen, die vor Ort waren, erfuhr ich, dass nur wenig Leads auf der Messe erzeugt werden konnten.

Bei den Vortragsthemen “Digitalisiere Dich oder stirb!” kann ich auch nur noch  genervt schnauben.


Denn neben der Definitionsschwäche der BuzzWords erkennen immer mehr Firmen, dass die “Digitale Transformation” doch nicht die Antwort auf alles ist.


In kleinen Firmen sieht der Aufwand, um einen Service bereitzustellen so aus:

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Bei sehr kleinen Umgebungen kann man das noch mit “dem Admin” regeln. In der Gedankenwelt der Businesskasparles sieht der Aufwand, um einen Cloud-Service bereitzustellen so aus:

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Die Realität für selbst betriebene Anwendungen sieht in der Regel aber etwas komplexer aus:

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Komplizierter wird es, wenn man die zuständigen internen Leute mit üblicher Funktionstrennung mit einblendet:


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Jetzt kommt die Anwendung in die Cloud und viele Elemente müssen nicht mehr lokal vorgehalten werden.

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Allerdings ist der Cloudanbieter für die roten Kästen und vieles andere nicht zuständig. Typischerweise geht die Anwenderzufriedenheit recht schnell talwärts, wenn wesentliche Bereiche nicht abgedeckt werden.

Die roten Kästchen mit externen aufzufüllen ist hingegen ziemlich teuer. Diese Lücken sind ein Grund, warum Cloud, genau wie Agile Methoden bei ungeeigneten Prozessen nur solange gut geht, wie man nicht die richtigen Fragen stellt.


Ich habe in letzter Zeit viele Firmen von innen gesehen und kann so viel sagen: das Klima ist in den “digitalisierten” mit non-territorialen Büroräumen und intensiver Cloudnutzung nicht das beste. Mitarbeiter erkennen schnell, wenn die achso informelle Collaboration Lounge doch nur eine andere Oberfläche ist und an die Stelle von eingesparten IT-Mitarbeitern der asiatische Großdienstleister mit Callcenter in Rumänien tritt. Dazu kommt natürlich der Gedanke, dass bei dieser Einsparung nicht Schluss sein wird. Ich komme nicht auf die Idee, die Verschwörung der BWLer gegen die Nerds zu behaupten, auch wenn diese Erklärung einfach und nahezu vollständig abdeckend wäre.


In den Zahlen sieht man diese Probleme über lange Zeit nicht. Das fehlende Customizing der ERP und BI wird in Excel nachgebildet. Wenn das Management Schatten-IT macht, ist nämlich gleich was anderes. Die Aufmerksamkeitsspanne von Managern ist eh zu kurz um langfristige Entwicklungen zu erkennen. Weil sie aber erstens ihre Fehler (Mitarbeiter als lästiges Übel betrachtet, Schund produziert, der nicht lange hält, Lösungen “in Software” gesucht) seit den 80ern nicht zu erkennen vermögen und selbst wenn den Gesichtverlust nicht ertragen könnten, wird jetzt digitalisiert und agilisiert.


Die Digitale Transformation ist jetzt in allen Firmen Chefsache mit Casual wear und Sitzkissen im Besprechungsraum.


Die Frage, die man sich immer stellen muss ist die, ob man am Ende mit so flachen Strukturen und, wie sie für Startupszenarien typisch sind wirklich arbeiten und produzieren möchte.
Das Mobiltelefon ersetzt den PC, die App das Programm, die Telco das Gespräch und die Cloud den Serverraum. Aber meiner Ansicht nach ist das nur eine Phase am Ende der Globalisierung. In nicht allzu langer Zeit wird man Produkte nur durch Exzellenz verkaufen. Zum einen kommt der Wandel dorthin aus den Rohstoffpreisen und zum Anderen aus den immer mehr gesättigten Märkten. Die pure tolle Idee wird für ein Produkt der näheren Zukunft also nicht mehr reichen.


Die CeBit, die sich 2003 gerade so eben von den peinlichen New-Economy Kasperletheatern losgesagt hatte, wurde nun also von den “Tsajkkaa Du Schafft es” zu den “Digitalisiere Dich!” - Sprechern getrieben.
Das Problem ist, dass die meisten Digitalisierungs-Päpste bereits mit dem Erklären eines Sampling-Theorems oder mit der Berechnung des Klirrfaktors einer ADA-Wandlung überfordert wären und das sonstige fachliche Niveau auch nicht höher liegt.
Jeder sieht die Probleme, viele können sie benennen, aber es schwingt auch immer die Angst vor dem Verlust mit.
Genau wie VW Gefangener der eigenen Motor-Expertise ist, sind “die Manager” Gefangene ihres Wachstum-Mantras und des Wandel Mantras. Ich glaube, dass das Zeitalter der bedingungslosen Globalisierung und Beschleunigung vorbei ist. Apple wird sein Spitzentelefon nur noch schleppend los, weil der Vorteil gegenüber einem nunmehr 4 Jahre alten iphone 6 eher in Marginalien stattfindet und ein altes iphone nicht mehr so stigmatisierend wirkt wie es 2012 der Fall war. Wobei Apple, was die Exzellenz der Produkte angeht relativ weit vorne mitspielt und auch Mut hat, für einen Fortschritt (auf Kosten der Kunden) ein Produkt in den Sand zu setzen. Haptik und Verarbeitungsqualität liegen dort schon relativ hoch. Ein knarzendes Gehäuse wie bei den ersten bunten iMacs wird man in apple-Produkten eher nicht mehr finden.

Ich sehe immer mehr Werbung für Produkte, bei denen die Werthaltigkeit und Nachhaltigkeit im Vordergrund steht.  Das kann natürlich Targeted Advertising in einer selbstverstärkenden Echokammer sein, aber auch in meinem professionellen Umfeld kommt es immer mehr auf handwerklich gute Lösungen an. Auch hier – wir reden eher von Rechenzentren als Serverräumen – ist es sicher nur ein Ausschnitt, in dem sauberes Arbeiten mit dem Buzzword “defensive computing” wieder chic ist, steht die Investitionssicherheit wieder mehr im Vordergrund. Der Kunde will für seine CapEx was haben, die kalkulierten Laufzeiten gehen wieder rauf und ein Hersteller, der mit Kostenpflicht für Updates nach drei Jahren die Server entwertet, muss nicht mit mehr Aufträgen rechnen. Insgesamt steigt das fachliche Niveau in allen möglichen Bereichen. Ein Cloud-Ansatz, der sauberes Arbeiten mit grenzenloser Skalierbarkeit zu ersetzen versucht, wurde nur kurz gefragt. Cloud wird eigentlich nur noch dort gewünscht, wo die Vorteile durch die Cloud an sich existieren. Eine typische In-Haus-App wie z.B. die FiBu oder ERP legt, spätestens seit dem 25.5. kein CIO bei Verstand in einer public Clod ab und auch die klassischen Tugenden wie Verfügbarkeit. die man im normalen Sprachgebrauch als “Zuverlässigkeit” bezeichnen würde, sind wieder ein hohes Gut geworden, während man sich vor zwei Jahren allein mit der Frage nach den variablen Kosten und der Verfügbarkeit ins alter-weißer-Mann-mit-Kugelschreiber-Aus geschossen hat.

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