Falk Dübbert ...

Ich kann "Digitalisierung", "Automatisierung" und "Agil" nicht mehr hören!

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Achtung: Alter-Weißer-Mann-Rant voraus!

Seit etwa vier Jahren sind zwei Buzz-Words wieder oben auf jeder Liste der wichtigen Veränderungen der kommenden Jahre: "Agil", "Digitalisierung" und "Automatisierung"

Sie sind das neue "2.0", "flache Hierarchie", "Dialogmarketing", "Interaktion" und "Beteiligung" oder "Cyber".

Wenn ich Texte lese, dass die Digitalisierung -beliebige Zahlen von 20% bis 80% - der Arbeitsplätze kosten oder verändern wird, schaue ich auf den Hintergrund der Autoren und entdecke ausschließlich Businesskasperle-Theater. In der Regel haben die Wiederkäuer dieser Meldungen keinen oder nur wenig Hintergrund in der IT / Technik oder im operativen Management, sondern sind aus der Schule direkt über Unternehmensberatungen in der Medienwelt gelandet.
Wenn ich "Agil" höre, schalte ich in meinem Kopf Fahrstuhlmusik ein und streiche den Hersteller aus meiner Lieferantenliste

Ich habe noch kein agil entwickeltes Produkt gesehen, das keine Banana-Ware war.

Beispiel VMware: Mit dem Übergang von VSphere 5.5 auf 6.0 kam der Web-Client aus dem Reich der toten Projekte zurück.
Er ist immer noch schlecht. Die ersten Versionen waren einfach gänzlich unbrauchbar. Entweder waren sie so langsam, dass die einfachsten administrativen Aufgaben ewig brauchen oder geradeweg unzuverlässig. Der C#-Client war schnell, kompakt und zuverlässig. Aber VMware tötete ihn und kündigte eine Flash-freie Version des Web-Clients an.
Nur: die Flashfreie-Version ist auch nach fast 3 Jahren keine echte Realität. Sie ist einfach nicht brauchbar. OVF-Deployments führen mehrheitlich zu defekten Maschinen, wenn man überhaupt einen Upload hinbekommt. Die Anzeige kritischer Zustände ist im HTML5-Client noch veralteter als im Flash-Client und dessen Anzeigen werden erst dann aktualisiert, wenn das Ticket mit den User-Beschwerden schon bis zum Operator eskaliert ist.
Nach jedem Browser-Update zerlegt sich das "Client Integration Plugin" der Flash-Version und die HTML5 Version verschluckt die Hälfte der Oberflächen.
Mittlerweile haben die Browserhersteller allesamt die NPAPI-Integration und damit für den Flash-VSphere-Client notwendige Java- und Flash-Integration über Bord gehen lassen. Man kann sich mit einem portablen Firefox 50 behelfen, aber in der Tendenz, kann es nicht angehen mit unsicheren oder kleinen Browsern wie waterfox arbeiten zu müssen, weil VMware nicht auf die User hört und sich nach der vTax wieder an der Bevormundung der Kunden probiert. Es sagt viel aus, wenn die Admins selbst bei komplexen Strukturen die grafische Oberfläche komplett links liegen lassen und gleich zur Kommandozeile übergehen. 

Beispiel Microsoft: Muss man das nach Windows 8 eigentlich noch weiter ausführen? Bei mir kotzen sich CIOs in semi-öffentlichen Foren über Microsoft aus. CIOs aus Branchen, die sonst für ihre absolute Zurückhaltung und Verschwiegenheit bekannt sind.  Windows 7, Office 2010 und Server 2008 R2 waren die letzten guten Produkte ohne Cloud-Nudging oder heimlich per Update getöteter Funktionalität. (Ja - Die Widgets in Windows 7 wurden per Update getötet.). Mit Server 2016 hat der Admin nun sechs Oberflächen zur Konfiguration seiner Umgebung auf jeder Maschine. Einiges ist nur per SCCM oder Powershell erreichbar. Anderes wurde einfach abgestellt. Es sagt viel aus, wenn die Admins selbst bei komplexen Strukturen die grafische Oberfläche komplett links liegen lassen und gleich zur Kommandozeile übergehen.  Dazu kommt im Falle Microsoft eine grandios schlechter gewordene Code-Qualität. Ich will hier nicht den Barnacules machen, aber wenn man sich anschaut wie viele toxische Updates seit 2015 gekommen sind und wie viele davor, kann ich vor einer zeitnahen Installation von Updates nur warnen. 

Agile Methoden funktionieren neuen Projekten, in Startups oder im "gewissenlosen" Management in Projekten die nach der Deadline niemanden interessieren, so lange man keine technischen Schulden angesammelt hat. Agile Projekte, die ich aus der Innenperspektive kenne, fielen entweder auf den Wasserfall zurück oder das Personal zog einfach weiter zum nächsten Projekt weiter und hinterließ eine Ruine. In der Theorie besteht ein agiles Projekt aus Transparenz, Rückblick und Anpassung. In der Praxis hat man es mit Projektleitern oder SCRUM-Mastern ohne technischen Hintergrund zu tun, die keinerlei Gefühl für technische Schulden haben, oder in der Vergangenheit gut damit gefahren sind über die Meldungen solcher Schulden hinwegzugehen und Fortschritte zu erzwingen.
Einige Firmen flüchten sich in die "bimodale IT", allerdings führt das dazu, dass alles neue und das Budget in dem einen Bereich landet und man in dem anderen mit den Ruinen oder technischen Schulden klarkommen muss. Diese Situation wird dann gerne fehlinterpretiert. In der nächsten Stufe werden die technischen Schulden ausgelagert und allerhand Cloud-Services genutzt, damit man mit der Rumpfmannschaft seine IT noch stemmen kann.
Das ergibt eine Zeit mit tollen Fortschritten im Luftleeren Raum und man kann Inklusion und Diversität feiern  um das Kasperle-Theater glücklich zu machen - schließlich ist das ein Agiles Projekt, die Ziele zu den Due Dates werden eh immer wieder geshiftet werden, am Ende bekommt man gerade mal das Minimum Viable Product hin.

Nur: eine Organisation kann die Infrastruktur-Apokalypse so allerhöchstens verschieben, aber nicht aufhalten.

Sie rückt nur näher an die Enden der IT oder -schlimmer- in die Produktion. Wer sich ansehen will, wie eine agile-Software-Zentrierung richtig schief gehen kann, kann jederzeit nach Wolfsburg fahren, wo ein Autohersteller ein fremdes Simulink-Modell lizensiert hat und so versuchte, seine technischen Schulden mit der daraus resultierenden Software zu lösen. Am Ende war traffen Überheblichkeit der Business-Kasperles und karrieregeile Programmierer aufeinander. 

Ich will nicht den fefe machen, aber ich ahne schlimmes. Wenn die alten Hasen alle gegangen sind, entnervt aufgaben oder der innerlichen Kündigung nahe mit einem Auge auf den frühest möglichen Austrittstermin eher schicksalsergeben als begeistert in ihre Agile-Cloud-Projekte gehen, weil der Fisch von Kopf bis ins mittlere Management keine Meritokratie ist, dann wird es noch viel lauter krachen. Mit den Safe-Space-Cry-Babies, die aktuell in die Firmen gespült werden, ist nicht zu rechnen, wenn es darum geht eine Maschine schnell wieder hoch zubekommen oder Tür zuzuschlagen durch die der Wurm kommen kann. Ich sehe immer öfter Diversity-Hires und -Promotions fraglicher Qualität, Verwässerung der Skillsets und viele Cargo-Cults.

Letzlich verhält es sich ähnlich mit "Digitalisierung" und "Automatisierung". Man ersetzt Filialen durch Weboberflächen oder Automatisierung, Mitarbeiter durch Apps und tauscht teures Personal gegen prekär beschäftiges und am Ende wundert man sich, dass die Kunden immer weniger Markentreue zeigen. Die schöne neue Welt bringt nichts, wenn das eigentliche Produkt weiterhin mangelhaft bleibt. Und immer wieder ergibt sich das gleiche Bild: öffentlich verkündete Cloud Projekte zeigen nahezu sicher an, dass die Firma auf dem Infrastruktur-Auge ein Problem hat. Diese Firmen haben auch meist ein Problem mit dem Personal - die teuren alten Hasen wurden von Hipstern verdrängt, denen Java bereits zu formal ist. Dann gehen halt solche Sachen, die man nur richtig machen und nicht in eine Cloud auslagern kann, in die Hose

Die Digitalisierung findet seit den 60ern statt und die Automatisierung läuft seit James Watt eine Dampfmaschine zu einer Drehbewegung überredet hat. Da ist keine Disruption. Das ist ein normaler, permanent laufender Vorgang, der mal schneller oder viel langsamer läuft. Aber in der Tendenz fegt da kein neues Internet durch die Welt. Als innerhalb von vier Jahren alle deutschen Autohersteller erst auf moderne Schweiß- und dann Montageroboter umstellten. DAS war eher eine Disruption als das Definitionsschwache und seit vier Jahren an mangelnder Evidenz krankende Disruptionsgespenst. 

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